In einer Person


Autor: John Irving
Sprecher: Charles Brauer
Audible, Oktober 2013

Das englische Cover gefällt mir doch viel besser und deutet auch mehr auf das hin, was einen im Roman erwartet. Ich war am Überlegen auf Englisch zu hören, habe mich dann aber doch für die einfachere deutsche Version entschieden 😉 Also ich war vom Thema und der Direktheit dann doch etwas überrumpelt, obwohl ich den Tipp auf einer Party von einer Frau bekam, als wir über das Anderssein von Schwulen sprachen. Das Delikate war, dass der Schwule, der dabei war, eigentlich nur in seinem Anderssein und Nicht-Normalsein akzeptiert werden wollte, jedoch die Frau wollte ihm weismachen, dass sein Schwulsein heutzutage was ganz normales ist, was nun mit der Lebenswirklichkeit des Mannes um die 60 wirklich nichts zu tun hatte. Er hatte sichtlich genug von der Diskussion und brach frühzeitig nach Hause auf.

Dazu kam, ich bin John Irving-Fan, zumindest war ich es, aber ich konnte die letzten Werke dann doch nicht mehr so genießen, aber dieses hat mich wieder gefesselt. Ein richtiger John Irving, mit spontanen Schmunzelattacken. Die sexuellen Beschreibungen sind zwar immer sehr detailliert aber nie anzüglich. Als Hetero, die eigentlich keinen Bezug zu Homosexualität hat, abgesehen von spontanen Partygesprächen, wurde mir diese Welt nahe gebracht. Verstehen kann ich sie nicht, aber John Irving wirbt um Toleranz für das Anderssein und das schafft er sehr gut.

Wirklich verstörend ist dagegen die Schilderung der Auswirkungen der AIDs-Epidemie in den 80er und 90er Jahren, die viele Freunde und Bekannte des Protagonisten mitten aus dem Leben reißt. Die Entstellungen durch das Karposi-Syndrom, die Lungenentzüngung und den trockenen Husten, das Verhungern und der Pilzbefall sind so leibhaftig beschrieben, dass einem vor Entsetzen der Mund offen steht.

Interessant ist, dass er die Geschichte des 15 jährigen Jungen bis zum 68 jährigen Mann sehr verwoben erzählt. Mal nimmt er die Zukunft vorweg (und entschuldigt sich dafür lustigerweise) und dann bezieht er sich wieder auf etwas in der Vergangenheit Erzähltes. Und immer auf ich und du mit dem Leser/Hörer (“Wissen Sie …”), was einen noch mehr in die Geschichte hineinzieht. Mancher Handlungsstrang löst sich tatsächlich erst am Schluss auf und hält so die Spannung unbewusst aufrecht.

Der Schluss ist dann trotzdem etwas enttäuschend, einerseits weil die Geschichte nun wirklich vorbei ist, anderseits, weil es so unspektakulär ist, nach dem Feuerwerk, was im Laufe der Erzählung abgefeuert wurde. Aber gut, als 68 Jähriger ist der Protagonist auch endlich bei sich angekommen und erntet die ersten Erfolge für sein unermüdliches Werben um Toleranz. Das sei ihm gegönnt.

Noch ein Wort zum Sprecher: Charles Brauer ist John Irving, so stellt man sich zumindest seine Stimme und Erzählweise vor. Einfach toll.

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